Lochhausener Singkreis
Solideo-Preis für Dieter Birmann – Laudatio
Pfrin. Christine Drini
2023-11-22

Laudatio bei der Verleihung des Solideo-Kirchen­musik­preises an Dieter Birmann am 18. November 2023

Sehr verehrter Herr Dr. Birmann, sehr verehrte geladene Gäste, liebe Festgemeinde,

35 Jahre haben Sie, lieber Herr Birmann, den Loch­hause­ner Singkreis geleitet. 35 Jahre – das ist eine ganze Generation lang, denn mit 35 haben die damals Geborenen längst eigene Kinder. 35 Jahre, und wenn ich die 7 dazurechne, die Sie jetzt schon in die zweite Reihe getreten sind, dann war ich damals ein 14-jähriges Schulkind, als Sie mit dem Loch­hause­ner Singkreis begonnen haben, und inzwischen habe ich graue Haare!

35 Jahre – viele Pfarrer und Pfarre­rinnen sind gekommen und gegangen – und Sie sind geblieben, treu der Loch­hause­ner Kirchen­musik verbunden geblieben. Und eigentlich gebührt es mir als letzte von dieser Phalanx an Pfarr­personen gar nicht, heute die Laudatio zu halten, denn ich habe am aller­wenigsten die Chance gehabt, ihr Wirken zu erleben. Also rede ich heute wie die Blinde von der Farbe. Aber vielleicht können Blinde ja umso intensiver ertasten, was so ein ehren­amt­liches Lebenswerk bedeutet und das will ich versuchen.

35 Jahre Loch­hause­ner Singkreis – das sind laut Chronik 496 Auftritte, im Schnitt 14 pro Jahr und in einer enormen Viel­gestaltig­keit: mit einem viel­seiti­gen Programm von Re­nais­sance bis Neuzeit, vom Kanon, eben mal so vor der Haustür angestimmt, bis zur Kantate mit ganzem Orchester und Chor. Eigentlich ist der Loch­hause­ner Singkreis ein Kirchen­chor, aber er hat einen wichtigen Beitrag zum Gemeinde­leben, auch zum Kultur­leben im Stadtteil Loch­hausen geleistet. Er hat Leute weit über den Dunst­kreis der Kirche hinaus angezogen – solche, die gern Musik gemacht haben hier im Ort und solche, die ihr gern zugehört haben bei den Abend­musiken, Kammer­musiken und Gottes­diensten.

Und dieser Singkreis bot ein viel­seitiges Repertoire, war sehr flexibel und immer nah an den Menschen: Mal stand der Chor im Gottes­dienst in Loch­hausen und der Himmel­fahrts­kirche bereit, bei den Partner­schafts­gottes­diensten wurde dann auch auf afrikanisch gesungen, sogar Kantaten wurden aufgeführt. Dann waren es Begrüßungen und Abschiede von Pfarrern, Konfirma­tio­nen, aber daneben eben auch Ereignisse ganz nah am persön­lichen Leben der Menschen: Geburts­tags­ständ­chen vor der Haustür und im Garten oder ein Abschieds­lied am Sarg bei Beerdi­gungen. Ich habe neulich bei einem Beerdi­gungs­gespräch erst spüren können, wie weite Kreise diese Chor­arbeit gezogen hat. Da hat mir die Tochter der Verstor­be­nen erzählt, wie sehr ihre Mutter an diesem Chor gehangen hat, wie diese Proben sie immer wieder aus ihrer Schwermut gerissen haben.

„Denn ein Chor spricht Menschen an und verbindet sie und bringt sie dem Evange­lium näher.“ So haben Sie es einmal gesagt, Herr Birmann. „Und er ist ein Netzwerk. Wichtig ist mir das soziale Netz, zum Wohle der Chor­gemein­schaft und der Gemeinde.“ Und ich möchte noch hinzu­fügen: der Gesell­schaft. Denn in einer Zeit, in der jeder zweite Haushalt in den Städten ein Single-Haushalt ist und jeder und jede an seinem eigenen Lebens­entwurf bastelt, sind Orte so wichtig, wo Menschen zusammen­kommen – wo so unter­schied­liche Menschen zusammen­kommen, um mit­einan­der etwas zu tun, zu gestalten, um mit­einan­der zu singen. Zusammen Musik machen – das ist auch ein wichtiges soziales Engage­ment, das Mauern zwischen Menschen abbaut, sie auf einer ganz anderen Ebene neu zusammen­führt. Daniel Barenboim wäre begeistert.

Lieber Herr Birmann, Sie haben nicht nur einfach einen Chor geleitet – und das voll und ganz ehren­amt­lich, ohne auch nur jemals eine Aufwands­pauschale zu bekommen! Sie waren sehr kreativ und haben immer wieder neue Formen gefunden, Musik zu prä­sen­tie­ren: Seit 1984 gibt es die Loch­hause­ner Abend­musik, ein buntes Pot­pourri aus Stücken des Loch­hause­ner Singkreises, Auf­tritten von Instru­menta­listen und auch Berüh­rungen mit Jazz und Bandmusik waren kein Tabu – das ist heute ja mal wieder so eine feine Kostprobe. Seit 2003 gab es dann auch ökume­nische Taizé-Medita­tionen in St. Michael, der katho­li­schen Kirche. Und der Chor hat auch an anderen Orten Kirchen­musik repräsen­tiert: bei den ökume­ni­schen Kirchen­tagen in München hatte er drei Auftritte, u. a. in der Alten Kongress­halle und in Aubing war er beim ökumeni­schen Open-air-Gottes­dienst am Luss-See dabei. Er spielte auch einen Beitrag für die „Evange­li­schen Per­spek­tiven“ des BR ein. Ein weiterer Höhe­punkt war die Urauf­füh­rung der Motette „Die Heilung des Bartimäus“. Emanuel Vogt, der damalige Kantor aus Winds­bach hat sie extra für den Singkreis geschrieben und ihm gewidmet!

Und ein Chor war nicht genug: 1992 wurde der Ökume­ni­sche Jugend­chor Loch­hausen gegründet, passend zu den neu ein­geführ­ten ersten ökume­ni­schen Gottes­diens­ten in Loch­hausen. Sieben Jahre leiteten Sie den Kinder­chor Loch­hausen, orga­nisier­ten Kinder­konzerte und Konzerte mit Kinder­chor und Singkreis zusammen. Und weil’s noch nicht reichte: Sie bauten ein Streicher-Ensemble auf, ein Taizé-Ensemble und eine Combo für geist­liche Lieder. Sie kümmerten sich um die An­schaffung von Orgel und Klavier für Loch­hausen. Es gab seit 2013 Kammer­musik­abende in Loch­hausen – eine Zeitlang sechs Konzerte pro Jahr! –, nur den Tanztee mit dem Tea Time Ballroom Orche­stra, den hat Herr Holn­aicher organi­siert. Sie machten nicht nur Musik, sondern gestal­te­ten auch Plakate, luden die Presse ein, schrieben Noten und Arrange­ments und hinter­her die Berichte. Sie waren sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade – und das alles ohne Bezah­lung. Einfach weil Sie Spaß daran hatten – und das über­trug sich auf andere. Die Menschen machten mit, steuer­ten Essen und Trinken bei, stellten Stühle und kamen zum Zuhören. Nicht mal die Corona-Zeit konnte dem Singkreis etwas anhaben – Sie haben auch die Zoom-Zeit ohne Verluste über­standen.

Was für ein Erfolgs­rezept steckt da dahinter? Sie selbst sind ja eigent­lich Auto­didakt, wie Sie sagen – haben jahre­lang in Schul­orche­stern und Chören mitgemacht und dann Bratsche gelernt und eine D-Prüfung für die Orgel abgelegt. Von Musik verstehen Sie daher etwas. Aber ich glaube, das Erfolgs­rezept liegt anders­wo. Ich glaube, Sie ver­stehen es wie kein anderer, die Menschen dazu zu bringen, sich Ihrer eigenen Talente und Fähig­kei­ten bewusst zu werden und sie für etwas Gemein­sames ein­zu­bringen. Bezeich­nend dafür ist allein schon, wie der Loch­hause­ner Singkreis ent­standen ist: Die nächste Kon­firma­tion im Gemeinde­zentrum Bartimäus stand bevor. Außer Orgelmusik war nichts vorgesehen im Gottes­dienst. Auf der Heimfahrt in der S-Bahn von Loch­hausen nach Pasing saßen Sie mit anderen Familien zusammen. Und als Sie in Pasing wieder aus­stiegen, da war klar: Wir acht Leute steuern den Chor­gesang bei. Und das machte so viel Spaß, dass man sich öfter traf und zum Loch­hause­ner Singkreis wurde mit über dreißig Sänge­rinnen und Sängern. Eine Zeugin, die das mit­er­lebt und sehr geför­dert hat, sitzt heute hier: Hanna Wirth, damals Pfarre­rin in Loch­hausen, bevor sie später Dekanin in Rosen­heim wurde.

Lieber Herr Birmann, ihr Engage­ment ging weit über die Kirchen­musik hinaus. Wo man hin­schaut, spürt man, wie sehr Sie in dieser Gemeinde ver­wurzelt sind und wie sehr Sie mit diesem Gemeinde­haus ver­bunden waren: Sie haben viele viele Bilder zusammen­ge­tragen und eine Bild­ge­schichte des Gemeinde­zentrums ver­öffent­licht. Sie haben eine Chronik dieser Gemeinde ge­schrie­ben. Gerade lassen Sie nicht locker, dass auch der Grund­stein des alten Gemeinde­zentrums eine würdige Ruhe­stätte in den Außen­anlagen der neuen Gebäude findet. Sie haben vor­ge­schlagen, dass man den neuen Saal, den die Gemeinde dann mit­nutzen kann, Bartimäus-Saal nennt. Und Sie verfolgen das Projekt einer von ihnen gebauten Sonnen­uhr am neuen Gebäude­komplex mit solcher Hart­näckig­keit, dass ich sicher bin, dass Sie auch den Landes­bischof noch rum­kriegen würden und auch das Landes­kirchen­amt – sollte es jemals dagegen gewesen sein – eines Tages seinen Wider­stand aufgeben wird.

Ich habe auch den größten Respekt davor, dass Sie nicht bis zum Umfallen Chor­leiter geblie­ben sind, sondern von selbst in die zweite Reihe gegangen sind – natür­lich erst, nachdem der Chor erst mit Musik­studie­renden und dann mit Frau Zapryanova gut versorgt war. Und wir danken Frau Zapryanova, dass Sie diesen Chor nun in die Zukunft führt mit viel Exper­tise und musika­lischem Gespür!

Lieber Herr Birmann, dieser Solideo-Preis geht hoch­verdient an Sie! Mit Ihnen freut sich der Kirchen­vorstand der Himmel­fahrts­gemeinde, der Loch­hause­ner Singkreis und die ganze Gemeinde Loch­hausen und gratuliert Ihnen ganz herzlich!

Und mir ist noch etwas ganz wichtig: Hinter jedem erfolg­reichen Mann steht auch eine starke Frau. Damit sind Sie gemeint, liebe Frau Birmann. Sie haben nicht nur immer wieder an der Seite ihres Mannes selbst Musik gemacht und mit­gesun­gen. Sie haben unzählige Male ganz spontan mit­ange­packt, das Drum­herum orga­ni­siert: Menschen angerufen, eingekauft, Dinge bereit­ge­stellt, für den best­mög­lichen Rahmen gesorgt. Ohne Sie wäre wahr­schein­lich keine einzige dieser tollen Auf­führun­gen zu­stande gekommen. Und darum möchte ich mich bei Ihnen heute auch ganz besonders bedanken.

Und noch jemand verdient beson­dere An­erken­nung. Als vor einiger Zeit ein offizieller Brief vom Landes­kirchen­amt im Pfarramt bei uns ein­tru­delte und von einem Solideo-Preis sprach, da sagte unsere Sekre­tärin Frau Wrage sofort: Da gibt’s nur einen: Herr Birmann! Und so kam es, dass Yoko Seidel und ich den Antrag stellten, den dann der Kirchen­vorstand unter­stützte. Liebe Frau Wrage, danke für Ihre Wach­sam­keit und für den Hinweis! Wenn Sie also mal wieder eine Für­spreche­rin für den Loch­hause­ner Singkreis im Pfarramt brauchen, wenden Sie sich an Frau Wrage! Und auch ihr Mann Uwe unter­stützt gerne …

Und dann kommt etwas sehr Wichtiges zum Schluss: All die Jahre hat die katho­li­sche Gemeinde diese Ar­beit von Herrn Birmann sehr unterstützt – von Anfang an lief sie ökumenisch. Ein Zeichen dieser Groß­zügig­keit ist auch, dass wir jetzt hier im Pfarr­heim St. Michael sitzen, das uns wie selbst­verständ­lich und wie schon unzählige andere Male zur Ver­fü­gung gestellt wurde – gerade jetzt in Zeiten des Umbaus unseres Gemeinde­zentrums. Dafür sind wir, liebe Frau Rühr­meyer und liebe Glaubens­geschwis­ter in Loch­hausen, unend­lich dankbar! Als Zeichen der An­erken­nung geht die Kol­lekte am Ausgang heute zur Hälfte an die katho­li­sche Schwester­gemeinde, die andere Hälfte ist für den Singkreis bestimmt. Vielen Dank dafür!

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